Anerkennung für die Ju-Jutsu Abteilung der Turnerschaft Harburg von 1865 e.V.

 | 18.01.2017

Alexander Otto Sportstiftung zeichnet Projekte im Behindertensport aus:

5.000 Euro Preisgeld

 

Rede vom Laudator Michael Stich:

Ju-Jutsu bedeutet wörtlich übersetzt „die Kunst durch Flexibilität, Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit zu siegen“. Es vereinigt ein modernes, offenes Selbstverteidigungssystem mit klassischer Kampfkunst. Im Ju-Jutsu sind bewährte Erkenntnisse vieler Kampfsportarten eingeflossen. Vom Bodenkampf über Wurftechniken bis hin zu Falltechniken besteht Ju-Jutsu aus vielen verschiedenen Elementen.

Die Turnerschaft Harburg hat über Jahrzehnte Knowhow in der Sportart Ju-Jutsu gesammelt und diese 2015 als inklusives Sportangebot aufgenommen.

Die Verantwortlichen entwickelten dabei mit einem Fotobuch ein wichtiges Hilfsmittel.

Die Genialität liegt in seiner Einfachheit:

Das Fotobuch zeigt anschaulich verschiedene Techniken und Übungen. Durch den Verzicht auf Texterklärungen bedarf es keiner Lese- oder Schreibfähigkeiten. Das Buch eignet sich sowohl für die Prüfungsvorbereitung als auch für selbstständige und gemeinschaftliche Trainingseinheiten. Den Trainingspartnern der Behinderten erleichtert das Buch zu verstehen, welche Übung der Behinderte trainieren möchte.

Das optimiert nicht nur die Trainingsgestaltung, sondern fördert auch den Austausch und damit das soziale Miteinander.

Die Alexander Otto Sportstiftung

Unternehmer und Mäzen Alexander Otto hat seine Sportstiftung 2006 gegründet. Seitdem hat die Stiftung Projekte in einem Umfang von über 14 Mio. Euro gefördert.

Ja, wie kam es nun zu dieser Ehrung?

Seit vielen Jahren trainieren wir im Ju-Jutsu schon mit Personen mit leichtem Handicap z.B. motorische Störungen oder Asperger Syndrom.

2015 stellte sich für uns eine neue Anforderung:

An einem Trainingstag erschien eine Mutter in unserem Dojo und fragte an, ob ihr 10-jähriger Sohn Lucas bei uns an einem Probetraining teilnehmen könne.

Soweit so gut.

Vor uns stand ein kleiner, zarter, strahlender Junge mit der Körpergröße von einem 7-Jährigen.

Die Mutter erklärte, dass Lucas als „Minifrühchen“ zur Welt kam und seit dem in seinem Leben schon einige gesundheitliche Päckchen zu tragen hat, dadurch nicht altersgerecht Entwickelt ist.

Natürlich wollten wir es versuchen und er dürfte vorerst im Beisein seiner Mutter vier Wochen zur Probe teilnehmen.

Schnell stellte sich heraus, dass er sehr interessiert und willig war, was Neues zu erlernen. Außerdem bemerkten wir, dass er von allen Kindern der Gruppe akzeptiert und unterstützt wurde.

Es verbesserte sich das Sozialverhalten innerhalb der Gruppe.

Daher stand für uns fest, dass er bleiben könne, wir wollten ihn gar nicht wieder gehen lassen.

Als nun die Prüfungsvorbereitungen begann, unterstützte Christiane uns gelegentlich auf der Matte.

Die Kinder sollten nun ihr Prüfungsprogramm erstellen und dies auf ihren Prüfungszetteln notieren.

Dabei stellte sich heraus, dass Lucas nicht lesen und schreiben konnte.

Die Nachfrage bei der Mutter ergab, dass Lucas aufgrund seiner Behinderung auch in naher Zukunft nicht richtig lesen und schreiben können wird.

Daher ergab sich das Problem, dass wir ihm zwar sein Prüfungsprogramm erstellen und aufschreiben können, er aber nie eigenständig seine Prüfung vorbereiten kann.

Leider half uns auch das Kinderprüfungsheft des DJJV nicht wirklich weiter.

Auch im Internet wurden wir nicht fündig.

Nun kam uns die Idee, nur mit Bildern zu arbeiten.

Wir wollten ein Fotobuch für Lucas erstellen, in dem die Techniken und Abläufe detaillierter dargestellt werden. Außerdem wollten wir Sticker erstellen, die er individuell für die Folgetechniken in das Fotobuch einkleben könnte.

Jetzt ging es los, unsere Fotomodelle, Tjark und Christiane, zu positionieren und von Dicky fotografieren zulassen.

Danach mussten die Bilder ausgewählt und bearbeitet werden.

Nach stundenlanger Arbeit am PC war Christiane soweit, das Fotobuch war zusammengestellt und konnte bestellt werden.

Als wir dann endlich das Fotobuch in den Händen hielten und wir es Lucas übergeben konnten, waren alle davon begeistert.

Nun konnte er sein Prüfungsprogramm selbst zusammenstellen und sich so wie alle anderen Kinder auf die Prüfung vorbereiten.

Lucas konnte dadurch an der Prüfung teilnehmen, die er mit Bravour bestand.

Da dieses Fotobuch sich für die erste Prüfung bewährt hatte, stellten wir nun auch die nächsten beiden Fotobücher zusammen, damit Lucas auch die nächsten Prüfungen selbst gestalten und bestehen kann.

Mittlerweile ist Lucas ein fester Bestandteil der Gruppe und wir wollen ihn nicht wieder hergeben.

Wie er selbst sagte, hat er immer größeren Spaß am Ju-Jutsu und hat sich den „Schwarzen Gürtel“ zum Ziel gesetzt.

Wir stellen immer wieder fest, dass sein Selbstvertrauen erheblich gestiegen ist und er in seiner Entwicklung stetig voranschreitet.

Wie kam das ganze nun ins Rollen?

Gabriela erzählte der Sportkoordinatorin der Turnerschaft Harburg, Frau Pamela Wolter, von diesem Fotobuch. Diese war sehr interessiert und bat sich dieses einmal ansehen zu dürfen. Auch Pamela war sehr begeistert davon.

Kurz darauf bekam sie die Flyer von der Alexander Otto Stiftung zugesendet und fragte uns, ob wir uns bewerben möchten?

Hmm, naja versuchen können wir es ja. Fragebögen ausgefüllt und Fotos dazu gelegt und ab ging die Post.

Mit der Post gingen auch die Gedanken daran weg, bis Anfang Dezember ein Anruf von der Stiftung Gabriela erreichte.

„Schönen Guten Tag, sie haben sich doch beworben. Sie haben es in die Shortlist geschafft und wir möchten sie in das Hamburger Rathaus einladen“.

Wow, toll das ist ja schon eine Ehre. Auch wenn wir nicht zu den Gewinnern gehören ist diese schon eine Anerkennung für uns.

Nachdem wir die Namen der Gäste mitgeteilt haben, waren sehr schnell die persönlichen Einladungskarten angekommen. Noch ein paar gewünschte Bilder für die Großbildleinwand gemailt und mit Spannung in das neue Jahr gegangen.

Es war soweit der 12. Januar ist da. Um 16 Uhr saßen wir kribbelig im Hamburger Rathaus mit 100 anderen Gästen. Die ersten Redner und dann Herr Alexander Otto der unter anderem vertröstend darauf hinwies:

„ wer heute nicht dabei ist, darf sich gerne wieder für das nächste Jahr bewerben“.

Nachdem die ersten beiden Laudatoren die ersten zwei Ehrungen für ganz tolle Projekte übergaben, betrat Michael Stich das Rednerpult, erzählte erstmal ganz locker und kündigte dann die Ju-Jutsu-Abteilung der Turnerschaft Harburg an.

Wir konnten es kaum glauben und dann standen wir schon vorne.

Nachdem wir noch einige Erklärungen zum Projekt gaben und auch Lucas zu Wort kam, wurde uns die Urkunde übergeben und mit geteilt, dass wir 5000,- € für dieses Projekt bekommen werden.

Die Gefühle waren nicht zu beschreiben.

Nach der Verleihung konnten wir uns noch mit einigen der Prominenten und auch anderen Gewinnern bei „Häppchen und Getränk“ austauschen.

Auch noch bei der Rückfahrt konnten wir es noch immer nicht fassen.

Hiermit noch mal Dank an die Alexander Otto Sportstiftung und alle, die maßgeblich an diesem Erfolg teilhatten.

 

Gabriela Rindt und Thomas Menzel

  • Internationale Jiu-Jitsu Federation
  • Ju-jitsu European Union
  • Worldgames
  • Deutscher Olympischer Sportbund
  • Interessengemeinschaft Nicht-Olympischer Verbände
  • Deutsche Sportjugend
  • Nationale Anti-Doping-Agentur
  • Bundesministerium des Inneren
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend