Bericht ZI:EL+ 2016 in Hamburg

 | 19.02.2017

Wir“ trafen uns am 16. + 17. Juli im Hamburger Leistungssportzentrum des HJJV zum DJJV Pilotprojekt ZI:EL+ 2016 Ju-Jutsu / Jiu-Jitsu – Motor für Integration.


Das „Wir“ wurde zum Termin „Nord“ groß geschrieben, denn der Veranstalter Jugend im DJJV hatte mit den Referenten Annemarie Besold, Ghasem Spili – Referent Integration, Fritz Schweibold und René Monno zum Qualifizierungsseminar im Bereich der interkulturellen Kompetenz eingeladen. 12 Trainer und ein Trainer-Assistent nahmen an diesem zweitägigen Seminar teil. Das Besondere an diesem Lehrgang war, dass 15 Flüchtlinge aus Afghanistan zum Gelingen der Fortbildung beitrugen, indem sie für uns kochten und mit uns diskutierten.

Orientalen erzählen ein Märchen bevor sie zur Sache kommen, so berichtete Ghasem von seinem eigenen Eintreffen in Deutschland, der unerwarteten Kälte und Schimpfworten, die er zunächst nicht verstand und ihnen mit einem Lächeln begegnete. Im Orient ist die Küche das Zentrum des Lebens, so war während des Seminares ein Brutzeln aus der Küche und eine lebhafte, fremdartige Sprache zu vernehmen.

Ghasem referierte zur interkulturellen Verständigung und brachte lebendige Beispiele unterschiedlicher Wahrnehmung. So saßen wir im Kreis, die Männer auf Stühlen und die Frauen auf dem Boden. Für deutsche Frauen wäre das diskriminierend, in anderen Kulturen nicht. Auf die Sicht der Dinge kam es Ghasem z.B. bei diesem Experiment an, auch jemandem den Rücken zu zeigen kann unhöflich sein. „Was wir sehen, ist nicht das, was wir interpretieren. Erstmal sehen, später bewerten“, so Ghasem. In Annemaries Vortrag ging es um Belastungen, Trauma und deren Sensibilisierung zur Thematik. Bei vielen Flüchtlingen können durch Menschen ausgelöste schlimme Erlebnisse, Trauer, Armut, Stigmatisierung und auch der Zusammenbruch der „Großfamilie“ ein lang anhaltendes Trauma auslösen. Wie Menschen darauf reagieren und wie wir helfen können, wurde von Annemarie gezeigt und von uns nachgemacht. „Es nützt nichts, Reaktionen von traumatisierten Menschen muss man auch mal aushalten und etwas ausprobieren“ so Annemarie. Schmatzen, Schnauben, Schlürfen und ein kleiner Kuss helfen immer und waren dann auch die letzten Worte von Annemarie zu diesem Thema.

Ein leckeres, gemeinsames, orientalisches Mittagessen, gekocht von den afghanischen Flüchtlingsfamilien wartete auf uns, „Ghabuli“. Die Exkursion zum gleichzeitig stattfindenden „Aktion Day“ des DJJV Showteams HNT Hamburg brachte für uns zusätzliche Abwechslung in den Tag. Die Diskussionsrunde mit den Flüchtlingen gestaltete sich sehr lebhaft. Ghasem übersetzte unsere Fragen und die Antworten darauf. Die Angst um das eigene Leben und das der Familienangehörigen, sowie die Unsicherheit in der eigenen Heimat sind oft der Hauptgrund zur Flucht. Aber auch die Sehnsucht nach einem besseren Leben in Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Bildung und Selbstverwirklichung, insbesondere auch der Frauen unter denen auch eine junge Lehrerin war, sind weitere Gründe zur meist lebensgefährlichen Flucht. Die Diskussion endete mit einem gemeinsamen, orientalischen Abendessen. Danach gab René einen Überblick über die Rahmenbedingungen von Flüchtlingen im Verein, im Versicherungsschutz und zeigte Relevantes aus dem Asylrecht auf. Dieses doch recht trockene Thema wurde als Quiz mit Punkteverteilung durchgeführt bei dem jeder Teilnehmer etwas aus diesem komplexen Bereich dazulernte. So ging der erste Tag des Seminares mit einer anschließenden interkulturellen Party zu Ende. Konfliktmanagement „wie im richtigen Leben“ war das Thema von Fritz am zweiten Tag. Ein Rollenspiel im Außengelände das einen Perspektivwechsel auslösen sollte, brachte Erkenntnisse, wie man sich am Rande der Gesellschaft, in deren Mitte oder an der Spitze fühlt. Mangels Bildung zurückgestellt zu sein, das Gefühl von Minderwertigkeit, Perspektivlosigkeit und Resignation empfanden einige als besonders unangenehm. Zum Schluss sollte die interkulturelle Sensibilisierung, mit dem Inhalt „Schwerpunkt Sprachbarriere“, die Wichtigkeit der verbalen und nonverbalen Kommunikation herausstellen. Hier zeigte sich durch ein Rollenspiel, dass ein Mensch der die Sprache nicht versteht schnell zum Außenseiter wird. Auch die Körpersprache und der Blickkontakt können zu Irritationen führen und Missverstanden werden. Ghasem gab danach eine kleine Exkursion in den Islam und erklärte unter anderem die fünf Säulen des Islam und deren Bedeutung. Ghasem sagte: „Religion könnte so einfach sein wie der Umgang miteinander im Budo Sport. Ich möchte meinen Partner nicht verletzen und er klopft ab, wenn es zu viel wird“.

Zum Schluss gab es noch Informationen zu Medien und Material, ein Feedback, Kritik und Lob das gut auf- und angenommen wurde.

Wir Teilnehmer haben nun die Aufgabe die Erkenntnis, sowie die Anregungen in unsere Vereine zu tragen und selber zum Motor für Integration zu werden, um unsere Welt besser zu machen und geflüchtete Menschen zu integrieren.


Foto: Ghasem Spili
Text: Rüdiger Merten

 

 

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