Theorie und Praxis der Selbstverteidigung gegen Angriffe mit Messern und scharfkantigen Gegenständen

Von: Anja Sell | 04.05.2017

Am Samstag, 22.04., fand im Dojo des Lübecker Judo Club der Landestechniklehrgang bzw. Trainerfortbildung statt, zum Thema: Messer und scharfkantige Gegenstände. Referent war Philipp Wolf, 5. Dan Ju-Jutsu, 5. Dan Modern Arnis, Black Belt Brazilian Jiu Jitsu, so dass das Dojo mit über 100 Teilnehmer aus verschiedenen Sportarten und Bundesländern gefüllt war.
Im theoretischen Einstieg erläuterte Philipp die „Realität“ von Messerangriffen. Allgemein sind nur sehr wenige Statistiken zu Messerangriffen bzw. Angriffen mit scharfkantigen Gegenständen wie Glasscherben, Rasierklingen, Stöckelschuhen o.ä. verfügbar. Dies liegt unter anderem an den Kriterien der statistischen Auswertungen. Was aus den wenig verfügbaren Daten zu erkennen ist, ist das mit Messern fast so viele Tötungsdelikte wie mit allen anderen Waffen zusammen verübt wurden. Dabei wurde das haushaltsübliche Küchenmesser am häufigsten genutzt. Aber warum wird das Messer so häufig verwendet? – u.a. ist es nahezu uneingeschränkt verfügbar, klein und leicht zu verstecken, es ist geräuschlos und hat keine limitierende Angriffshäufigkeit. Neben den rechtlichen und medizinischen Grundlagen bei Messerangriffen ging Referent Philipp Wolf auch auf das Angriffsverhalten der Täter ein. Jeder sollte sich bewusst sein, dass die meisten Messerangriffe hinterhältig und nicht offensichtlich durchgeführt werden. Angegriffen wird in über 70% der Fälle in einem Abstand von unter einem Meter und der Täter setzt in über 71% der Fälle seine freie linke Hand ein, um den Angriff vorzubereiten oder zu unterstützen. Die Angreifer sind sehr häufig extrem aggressiv und greifen vor allem in kurzen wiederholenden Stichen aus verschiedenen Winkeln an. Daher sollte sich der Trainer überlegen aus welcher Motivation heraus, er das Training gestalten möchte: ist es aus Schutz der Gesundheit, weil es als Herausforderung und Grenzerfahrung genutzt werden soll, ist es aus beruflicher Notwendigkeit oder wird es als „lästiger“ Pflichtteil für die Prüfung gesehen?

Im Praxisteil fokussierte sich Philipp auf Trainingsbeispiele zur Bewegungserfahrung und neue Blickwinkel für die Verteidigung gegen Messerangriffe aus realistischer Sicht zu geben. Daher wurde hauptsächlich der Messerstich abgewehrt. Um das aggressiver Angriffsverhalten zu simulieren, ohne Angst vor Verletzungen, wurde mit Schaumstoffröhren als Messerimitat trainiert. Ein Schwerpunkt, und das nicht nur im Bereich der Waffenabwehr, ist das Distanzmanagement. Denn wer die Distanz kontrolliert, kontrolliert auch den Schaden. Das heißt die entsprechende Entfernung zum Angreifer wird aufgebaut oder schnellstmöglich verkürzt, um den „Schaden“ zu minimieren. In den verschiedenen Übungen, die nach und nach in der Aufgabenstellung erweitert wurden, konnten die Teilnehmer so ein „Körpergefühl“ entwickeln –wie fühle ich mich in der Situation, wie in einer anderen. Durch das Ausprobieren und Erleben von Situationen, sollen Teilnehmer ihre Bewegungserfahrung erweitern und den eigenen Schweregrad erhöhen. Beispielsweise wurden verschiedene Griffmöglichen ausprobiert – an Hand oder Ellbogen – was ist effektiver? Was lerne ich daraus? Welches ist eine gute Situation: Wo stehe ich? Wie kontrolliere ich? Und kann ich sie auch auf andere Partner / Angreifer anwenden? Das Aufgabenziel an sich war an diesem Tag, die Kontrolle des waffenführenden Arms, denn solange der Angreifer die Chance hat immer wieder auszuholen, ist die Gefahr nicht vorüber. Ein weiterer Schwerpunkt, neben dem Distanzmanagement, ist für Philipp „Balance and Base“. Das heißt man selbst befindet sich in einem guten Stand, manipuliert den „Angreifer“ aber gleichzeitig so, dass dieser aus dem Gleichgewichtgebracht wird und kann dann auch die Kontrolle durch Wechsel in eine andere Position behalten. Denn wenn nur versucht wird eine Position starr zu halten, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kontrollposition verloren geht relativ hoch. Wenn aber flüssig die Positionen gewechselt werden, in dem einfach mit den Bewegungen des Partners mitgearbeitet wird, dann ist die Kontrollchance wesentlich höher. Jeder, der schon mal Bodensparring gemacht hat, wird die Erfahrung kennen.

Das Themengebiet Messer bzw. Verteidigung gegen Messerangriffe ist kompliziert, da zum einem die Verletzung, die das Messer anrichten kann extrem enden können und zum anderen ist das Training schwierig, zumindest unter dem Aspekt eines realistischen Angriffs. Zusammenfassend kann in der Reihenfolge: Flucht – Abstand halten – Kooperation / Deeskalation gehandelt werden und wenn es dann nicht anders möglich ist, sollte hart und konsequent der Weg nach vorn gesucht werden.

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