Trainerfortbildung mit Enno Häberlein

Von: Anja Sell | 21.10.2017

Am Sonntag, den 08. Oktober, fanden sich rund 45 Teilnehmer zusammen für eine Trainerfortbildung in Todenbüttel. Referent Enno Häberlein, 4. Dan Ju-Jutsu, war aus Schwäbisch Hall an gereist, um sein Wissen zum Thema Situative Anwendung der Prinzipien bei Grundtechniken, Weiterführung und Gegentechniken an die Teilnehmer weiterzugeben.
Anfangs ging Enno  einen Teil der Prinzipien der Techniken in Theorie und Praxis durch. So verdeutlichte er bei der rotierenden Fallschule, dass prinzipiell kann alles rollen, auch ein Würfel. Dabei gibt der Würfel je Ecke ein Energiepaket an den Boden ab – je mehr Ecken also ein Objekt bei einer rollenden Bewegung hat, desto kleiner sind die Energiepakete, welches an den Boden abgegeben werden. Das heißt, auch je lauter jemand rollt, desto mehr Ecken hat er in seiner Rolle- je mehr Energie gibt er an den Boden ab – je mehr Schmerzen wird er beim Rollen auf einem Betonboden haben. In Bezug auf Atemis legte er einen der Schwerpunkte darauf, beim Training eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu erreichen. Denn wenn man die physikalische Formel E=m/2 * v2 berücksichtig, spielt die Geschwindigkeit eine weit größere Rolle als die Masse. Dafür sollten nur die Muskeln angespannt werden, die für die Bewegung gebraucht werden. Wenn alle Muskeln angespannt sind, wird die Bewegung verkrampft und langsam. Auch die Rückzugbewegung ist wichtig: die sollte doppelt so schnell sein wie die Hinbewegung, dies wirkt sich auch auf den Gesamteindruck einer Technik aus. Im Bereich Wurftechniken erklärte Enno: Für einen Wurf muss dafür gesorgt werden, dass der Körperschwerpunkt nicht mehr über/innerhalb der Unterstützungsfläche ist. Dies kann durch drei Arten erzeugt werden: Sperren (z.B. Beinstellen), Ausheben (z.B. Hüftwurf, Schulterrad) oder Wegschlagen (z.B. Hüftfegen, große Außensichel).
Im nächsten Teil der Fortbildung wurde das Thema situative Anwendung von Techniken in Zusammenhang mit Weiterführung und Gegentechnik bearbeitet. In diesem Kontext ist es logisch, dass sich ein Kampfsportler in seiner Entwicklung ein immer größeres Repertoire an Reaktionen/Techniken aufbaut, denn die Situationen werden mit der Zeit immer komplexer. Das Ziel muss es also sein, dass ein Ju-Jutsuka augenblicklich auf eine andere Technik umschalten kann, falls eine Technik nicht funktioniert, im Idealfall ohne zu überlegen. Denn das ist das, was der Sportler mit regelmäßigem Training erreichen sollte: Die Automatisierung von Abläufen, die in einer Verteidigungshandlung enden, die auch bei einem Misserfolg der ersten, oder auch der zweiten Technik zum Erfolg führen. Ganz ähnlich ist es bei Prüfungen, und nichts anderes ist im Prüfungsfach „Weiterführung“ gemeint. Frei nach Joe Thumfart, ehemaliger technischer Direktor des DJJV: „Hör auf, eine Ansammlung von Techniken zu trainieren; lerne Ju-Jutsu!“.
Grundlegend kann man sich die Techniken des Ju-Jutsu wie die Lego-Bausteine vorstellen, die zusammengesteckt werden. Im Prinzip kann jeder Stein auf den anderen gesteckt werden, wobei es nötig sein kann die Bausteine soweit zu drehen oder zu ersetzen, bis die Steine aufeinander passen. Mit steigender Erfahrung werden weitere Bausteine dazu kommen, man lernt umfassendere Formen zusammenzubauen; man kann die Steine auch in der Farbe anpassen, und natürlich versuchen, etwas großes Ganzes zu bauen, anstatt nur darauf zu achten, dass einzelne Steine aufeinander passen. Selbstverständlich sind nicht nur die Grundtechniken als Bausteine anzusehen. So kann z. B. jede Form der Bewegungslehre ein Baustein sein; und in diesem Sinne auch die Grundstellungen oder Fallschulelemente sowie die Ausgangslage am Boden. Dadurch kann es zu unendlich vielen Situationen kommen, die in einem „Keyframe“ münden. Da man diese Situationen auch mit Bausteinen gleichstellen kann, muss man nun Bausteine finden, die zu diesem Baustein passen und dann entsprechend zusammenstecken. Daraus können nun auch wieder viele Situationen resultieren. Jede Kombination besteht aus einer Anreihung von Bausteinen, welche verknüpft eben eine Kombination ergeben. Jeder dieser Bausteine ist ein Keyframe, zu welchem verschiedene Umstände führen und von welchem verschiedene Situationen abgeleitet werden können. Immer wieder wird man in Situationen gelangen, die einem bekannt vorkommen und auf die man schon mal „irgendwie regiert hat“. Im Laufe der Zeit wird man sicherer im Umgang mit diesen Situationen und kann auch mit Varianten der Situationen gut umgehen. Dieses situative Finden von Keyframes übte Enno auch mit den Teilnehmern. Er wechselte immer wieder die einzelnen Keyframes, so dass sich die Teilnehmer wieder und wieder die Situation so herstellen mussten, die sie gerade brauchten. Als Gruppenarbeit wurde dann noch das Gelbgutprogramm in einer Kombination erarbeitet, mit dem Wissen, dass man von einem Keyframe zum nächsten springen kann, eventuell auch mit ein paar Zwischenschritten.
Ein Metaframe oder Handlungskomplex ist nur ein großer Rahmen, der mehrere Keyframes beinhaltet, z.B. der 3er-Kontakt, der auch schon während des Lehrgangs intensiv kennengelernt wurde. Wenn dieser Handlungskomplex automatisch abläuft, dann hat man einen Metaframe. Zwei weitere Metaframen, die zu Ennos Lieblings-Metaframe gehören, sind der Wechsel von der Außenseite auf die Innenseite und umgekehrt. Die beiden Handlungskomplexe wurden auch gleich geübt.
Ein weiterer Bestandteil des Lehrgangs waren die Themen Vielfältigkeit, eine Technik gegen viele verschiedene Angriffe, und Vielseitigkeit, Vielzahl von Techniken gegen einen Angriff. Beide Themen lassen sich sehr gut in den Bereich Weiterführung und Gegentechnik einbeziehen. Beispielsweise wurde im Rahmen der Vielseitigkeit das „Spiel“ Abwehr angesagter Angriffe gespielt: Eine Grundtechnik, z.B. Hüftwurf, sollte nach dem Angriff innerhalb von beispielsweise fünf Sekunden durchgeführt werden. Das Spiel kann so erweitert oder gegebenenfalls vereinfacht werden, dass noch mehr Keyframes oder andere Zeitangaben vorgegeben werden, und somit die Komplexität gesteigert werden. Andererseits kann so auch die Vielseitigkeit und Weiterführung spielerisch geübt werden. Ziel ist es hierbei die Ratlosigkeit in diesen Situationen zu mindern. Die Weiterführung ist das A und O des Ju-Jutsu. Denn man kann sich nie sicher sein, dass eine Technik zu einhundert Prozent funktioniert. Eine Kombination auswendig zu lernen klappt vielleicht noch am Anfang der Ju-Jutsu-Karriere, aber später auf keinen Fall mehr. Und nichts ist schlimmer, als zum Beispiel während einer Prüfung irgendwann ratlos dazustehen und den Prüfer fragend anzusehen. Ähnliches gilt natürlich für den Wettkampf.

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